Einführung
Am Abend des 26. September 1856, etwa zwischen 7.00
Uhr und 8.00 Uhr, steht das Haus Nr. 7 in der berühmten
Kolonie Alexandrowka in hellen Flammen. Übrig bleiben
vom Anwesen der Grigorieffs nur Asche und verkohlte Balken.
Nicht nur die Grigorieffs sondern auch ihre Untermieter,
zu denen ein städtischer Nachtwächter, ein Unteroffizier
der preußischen Armee und die Witwe Wilhelmine Schischkoff
gehören, verlieren ihr Obdach. Die Witwe Schischkoff
war erst an diesem Tag mit allem, was sie besaß, in
das Haus gezogen und stand mit einem Male vor dem Nichts.
Schlimmer noch ist die Tatsache, daß wohl sie es war,
die diesen Brand verursachte. In einem nachfolgenden Gerichtsverfahren
ist zwar nur von Fahrlässigkeit die Rede, doch böse
Zungen in der Kolonie sprachen hinter vorgehaltener Hand
immer wieder von vorsätzlicher Brandstiftung. Zu den
im Hause verbrannten Gegenständen zählten auch
die wenigen Habseligkeiten Iwans, des Sohnes der besagten
Witwe, welcher zur gleichen Zeit gerade eine Zuchthausstrafe
wegen – wie es hieß - „Unzucht mit Mannspersonen“
verbüßte.
Der
Name „Abgebrannt“, unter dem die neue Sonderausstellung
des Museums Alexandrowka Ende Juni 2008 eröffnet wird,
steht im doppelten Sinne für die prekäre Lebenssituation
einer russischen Kolonistenfamilie in einem höchst
pittoresken Umfeld.
Anhand zahlreicher Briefe, Protokolle und Gerichtsakten
trug Thomas Sander, Mitarbeiter des Museums,
etliche Fakten speziell zur Familie Schischkoff zusammen,
welche sich jedoch als Milieuschilderung durchaus verallgemeinern
lassen. Dabei werden einzelne Aspekte wie etwa Kinderarbeit,
Sexualmoral und obrigkeitsstaatliche Bürokratie in
ihren oft fatalen Auswirkungen auf Denk- und Verhaltensweisen
der so genannten „Kleinen Leute“ beleuchtet.
Die Ausstellung unterstreicht somit erneut den Anspruch
des Museums, einerseits den in den Akten gut dokumentierten
Mikrokosmos der Kolonie Alexandrowka aufzuarbeiten und andererseits
die oft einseitige und romantisierende Betrachtung vom russischen
Landleben und den Bekundungen ewiger Freundschaft zwischen
Monarchen wenigstens teilweise zu relativieren.
Da
bildliche Dokumente der Protagonisten und ihres Alltags
kaum vorhanden sind, beschritt das Museum erstmals einen
anderen Weg.
So unternahm der Museumsleiter Tim Esser
mit Hilfe computergenerierter Abbildungen, die sich bis
ins Kleinste auf die damals gebräuchlichen Möbel,
Kostüme und Frisuren beziehen, den Versuch, die für
diese Geschichte typischen Situationen virtuell nachzustellen.
Ähnlich wie bei einem Neuruppiner Bilderbogen zeigt
er in zwölf bühnenartigen Szenen jeweils eine
typische Situation dieser Geschichte.
Auf diese Weise entsteht eine Darstellung der Vergangenheit,
in der es mehr um das Wahrscheinliche und weniger um die
Phantasmagorie des absolut Authentischen gehen konnte. Die
Auswahl und Zusammenstellung der einzelnen Szenen kann und
muß dabei natürlich ebenso subjektiv bleiben
wie die Auswahl des zugrunde liegenden Aktenmaterials.
In
einer zu dieser Ausstellung noch zusätzlich erscheinenden
Publikation wird die Geschichte in Form einer ausführlichen
Erzählung aufbereitet, wobei die besondere Mischung
aus Fakten und Fiktionen nicht nur den Zugang zu dieser
Thematik erleichtern soll, sondern auch bestimmte Zusammenhänge
erklärt, die sich so ohne weiteres nicht aus den Akten
ergeben würden. Die in der Ausstellung gezeigten Darstellungen
werden diese Publikation bebildern.
zum
Drama 

Ausdruck